Vipassana Meditation: Wie sich mein leben nach 1.700+ Stunden meditieren verändert hat

Keine Zeit zum lesen? Hör Dir den Text als Hörbuch an:

Klicken Sie auf den unteren Button, um den Inhalt von w.soundcloud.com zu laden.

Inhalt laden

Vipassana Meditation ist eine 2.500 Jahre alte Meditationstechnik aus Indien. Buddha selbst (wieder) entdeckt sie und lehrt Vipassana über 45 Jahre in Nordindien. Dort hält sich die Technik über 500 Jahre. Dann verschwindet sie und taucht später wieder im Nachbarland Burma / Myanmar auf.
In den 1960er Jahren entdeckt der burmesische Geschäftsmann S.N. Goenka Vipassana für sich, nachdem er auf er erfolglosen Suche nach einer Linderung für seine Migräne ist. Vipassana hilft ihm bei seinem gesundheitlichen Problem und bewirkte noch mehr.

Sein Leben änderte sich grundlegend. Aus einem unzufriedene, kränklichen Unternehmer wird ein erfüllter und glücklicher Mensch.

Nach seinen persönlichen Erfahrungen lehrte er die Technik in Meditationskursen und gründete Vipassana Meditationszentren. Seit dem verbreiten sich Vipassana Zentren auf der ganzen Welt. Jedes Zentrum arbeitet autark und finanziert sich nur aus Spenden der Schüler.

Im August 2018 besuche ich mein erstes Vipassana Schweige- und Meditations-Seminar. Daraufhin folgen 3 weitere teilnahmen und täglich bis zu 2 Stunden Meditation. In diesem Artikel beschreibe ich meine Erlebnisse aus 4 Vipassana Meditationskursen und 1.700+ Stunden meditieren.


Zum ersten mal höre ich von Vipassana in meinem Toastmasters Club. In kurzem Abstand berichten mir zwei befreundeten Freunde von Vipassana.

„Wenn ich von zwei Personen innerhalb einer Woche von einer neuen Sache erfahre, dann sollte ich dem einmal nachgehen.“ Denke ich mir und nehme mir vor, mich für einen Kurs anzumelden.

Ich meditiere schon eine Weile mit einer App, allerdings bin ich nie tiefer in das Thema vorgedrungen.

Dass der bevorstehende Kurs mein Leben grundlegend verändert, kann ich zu dem Zeitpunkt nicht wissen. Das Seminar selbst und die kommenden Wochen und Monate danach dringen tief in mein Leben ein und geben meine Leben eine beeindruckende Tiefe.

Wie kann man sich für einen kurs anmelden?

Damit ich an einem Kurs teilnehmen kann, muss ich mich um Punkt 21:00 Uhr für das Seminar anmelden. Tatsächlich ist der Kurs innerhalb von wenigen Stunden ausgebucht.

Bei meinem ersten Vipassana Meditationskurs ging es noch nach dem Prinzip: „Wer zuerst kommt malt zuerst“. Aufgrund der hohen Nachfrage wurde es im letzen Jahr durch ein Losverfahren ersetzt. Hier kannst Du dich für einen Vipassana Meditation Kurs anmelden. Wähle einen Zeitraum und gib bei Ort „Triebel“ ein. 

Meine Anmeldung klappt und ich bekomme einige Tage später eine Bestätigung. Ich bin dabei. Mein erster Vipassana Kurs. Mich überkommt eine Mischung aus Vorfreude und Unsicherheit. „Ist es das Richtige? Worauf habe ich mich eingelassen? Kann ich der Organisation vertrauen?“

In den nächsten Wochen forsche ich im Internet und finde gemischte Meinungen. Einige schwören auf Vipassana, andere haben schlechte Erfahrungen gemacht, manche halten die Vipassana Vereinigung sogar für eine Sekte.

Es wird Sommer. Die Tage werden länger und der Regen weicht dem Sonnenschein. Einige Wochen vor dem Kurs bekomme ich eine Erinnerungs E-Mail. „Ob ich wirklich am Kurs teilnehme“, möchten die Organisatoren wissen. Ich kann auf „zusagen“ oder „absagen“ klicken.

Ich klicke auf „zusagen“. Es wird ernst.

Von Hannover aus fahre ich ca. 5 Stunden per Auto nach Sachsen. Genau genommen nach Triebel im Vogtland, eine kleine Gemeinde mit 1.500 Einwohnern. Mitten im Nirgendwo, auf halber Strecke zwischen Chemnitz und Bayreuth.

Mein erster „echter“ Kontakt ist auf einer Raststätte. Ich unterschätze die Fahrzeit und rufe die Organisatoren an. „Ich komme zu spät. Mein Navi sagt, dass ich erst um 18:00 Uhr da bin“ erkläre ich der fremden Stimme am anderen Ende der Leitung.

„Kein Problem. Der Einleitungsvortrag ist erst um sieben“. Erleichtert setze ich mich wieder ins Auto und fahre bei Sonnenschein durch die grün-gelbe Hügellandschaft des Vogtlands.

Meine Gedanken ziehen vorbei wie die Bäume der Allen. Kurz vor dem Ziel nehme ich noch einmal Kontakt mit der „anderen“ Welt auf. Meine Freundin hat den Kurs schonmal gemacht und macht mir Mut.

Es kommt vor, dass Teilnehmer den Kurs abbrechen. 10 Tage ohne Kontakt zu anderen Menschen und alleine mit den eigenen Gedanken im Kopf, ist für manche Menschen schwer zu ertragen.

Auch ich halte mir die Möglichkeit offen, dass ich jeder Zeit abbrechen kann. „Wenn mir irgendwas komisch vorkommt, dann fahre ich halt wieder“, sage ich mir selbst.

Meine Freundin wünscht mir alles Gute und ich fahre die letzten Kilometer im Abendrot weiter zum Seminarort.

„Du musst Daniel sein. Ich habe dir etwas vom Abendessen aufgehoben. Komm erst mal an, iss etwas und dann kannst du dich anmelden.“ Leicht verunsichert vom freundlichen Empfang bedanke ich mich und muss mich erstmal orientieren.

Es herrscht reges Treiben im Aufenthaltsraum. Einige Teilnehmer scheinen sich zu kennen und unterhalten sich angeregt. Im Raum steht ein Buffetwagen mit den Resten vom Abendessen. Rings rum sind Tische an der Wand angeordnet. In der Mitte stehen zwei weitere Tische mit Stühlen für kleine Gruppen.

Ein Reiseführer würde die Einrichtung wahrscheinlich als einfach und funktional beschreiben.

Ich sitze abseits, löffle meine Suppe und beobachte die Szene mit Skepsis. „Noch kann ich fahren“ denke ich mir und schiebe den Gedanken in der nächsten Sekunde bei Seite. Es ist Zeit einzuchecken.

Vor mir liegt ein Fragebogen mit persönlichen Angaben. Ob ich gesundheitliche Einschränkungen habe, Drogen nehme oder genommen habe, schwere psychische Krankheiten habe und weitere Fragen zu meiner persönlichen Situation und dem Verhältnis zu meiner Familie. Die Fragen sind ungewöhnlich und ich fühle mich unwohl dabei alles von mir preis zu geben.

Ist Vipassana Meditation eine Sekte?

Meine Wertsachen kann ich in einem Schließfach einlagern, mein Telefon soll ich abgeben. Jetzt erinnere ich mich an die Sekten-Vorwürfe aus dem Internet. Mein Verstand schießt plötzlich mit Gedanken auf mich ein.

„Was machen die mit meinem Handy? Die wollen mich kontrollieren? Weg hier, schnell!“

Es fällt mir nicht leicht meine Befürchtungen zu unterdrücken. Ich habe Angst in etwas hineinzugeraten, dass ich nicht mehr kontrollieren kann. Ich denke an Gehirnwäsche und Menschen, die mit falscher Hoffnung einem Guru hinterherjagen und sich hoch verschulden.

Zähneknirschend lasse ich mich darauf ein. „Ich habe den Schlüssel zum Schließfach“, beruhige ich mich „Darin ist der Autoschlüssel. Wenn mir etwas komisch vorkommt, dann kann ich jederzeit an das Schließfach und mache mich aus dem Staub.“

Ich bekomme mein Zimmer zugeteilt, nehme meinen Koffer und mache mich auf die Suche nach den Unterkünften. Ich finde ein einfach eingerichtetes Zweibettzimmer. Ein Bett, ein Stuhl, eine Heizung, ein Regal für die Sachen und Linoleum Boden. Schullandheim Atmosphäre.

Es bleibt kaum Zeit, um meinen Zimmernachbarn kennenzulernen, den schon läutet der Gong und ich gehe zur Meditationshalle.

Wie läuft ein Kurs ab?

Zwanzig Meter vor der Halle steht ein Hinweisschild.

„Ab hier beginnt die EDLE STILLE“

Ab jetzt dürfen wir nicht mehr reden. Ich stehe mit 59 anderen Männern vor der Halle und warte darauf, dass mein Name aufgerufen wird. Einer nach dem Anderen verschwindet im Eingang.

Die Hälfte der Teilnehmer ist schon in der Halle, aber ich stehe immer noch draußen und warte auf meinen Einlass. Noch zehn Wartende. Fünf. Drei. Ich bin unter den letzten Zwei. Dann endlich höre ich meinen Namen.

‚Vorletzter‘ denk ich mir. “ Was hat das zu Bedeuten? Warum musste ich so lange warten?“

 Mein Kopf macht ein Drama daraus

Mein Platz ist in der letzten Reihe. Ich nehme mir Kissen und Decke aus dem Schrank. Glücklicherweise ist sogar noch eine Rückenlehne übrig. Davon gibt es nicht viele. Erleichtert nehme ich die Letzte mit an meinen Platz.

Ich richte meinen Quadratmeter Kissenfläche ein. Langsam wird es ruhiger in der Halle. Die letzten Kissen werden sortiert, Nasen geputzt und Decken zurechtgerückt. Dann kommen die Lehrer in die Halle.

Ohne ein Wort setzen sie sich und schauen in die Runde. Dann wird das Licht gedimmt und es folgt ein kurzes Knacken und Rauschen aus den Lautsprechern.

Und dann höre ich zum ersten Mal Pali Chantings.

Mein erster Gedanke ist: „Muss ich das jetzt 10 Tage ertragen?“ und sehe mich schon wieder im Auto sitzen.

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Es ist das Chanting von S.N. Goenka, dass ich in den kommenden Jahren sehr schätzen lerne.

Nach dem Chanting folgen die ersten Anleitungen zur Meditation auf Englisch und danach in der deutschen Übersetzung. Ich werde über die Regeln für die kommenden 10 Tage aufgeklärt.

Welche Regeln muss ich beachten?

1. Kein stehlen
2. Kein Alkohol, keine Drogen
3. Kein sexuelles Fehlverhalten
4. Nicht lügen
5. Kein Lebewesen absichtlich töten

Die fünf Silas (Schilas) sind Regeln, an die sich jede*r Vipassana Schüler*Inn hält, der die Mediation ernsthaft betreibt. Auch außerhalb des Kurse.

Vipassana Meditation Zeitplan

4:30 – 6:30 Meditation
6:30 – 7:30 Frühstück
7:30 – 8:00 Pause
8:00 – 9:00 Gruppen-Meditation
9:00 – 11:30 Meditation
11:30 – 12:30 Mittag
12:30 – 13:00 Pause
13:00 – 14:30 Meditation
14:30 – 15:30 Gruppenmeditation
15:30 – 17:00 Meditation
17:00 – 18:00 Tee
18:00 – 19:00 Gruppenmeditation
19:00 – 20:00 Vortrag
20:00 – 21:00 Meditation
21:00 Bettruhe

Danach folgt eine offizielle Anfrage, mit der wir um die Erlaubnis bitten, den ersten Teil der Meditation zu lernen. Die Anfrage erfolgt auf Pali und ich versuche es so gut wie möglich nachzusprechen.

Dann beginnt der eigentliche Teil der Meditation. Ich soll nur auf meine Atmung achten. So wie sie natürlich durch die Nase ein – und ausströmt. Mehr mache ich nicht.

Die erste Stunde Meditation vergeht zäh. Zum Ende ertönt wieder ein Chanting, dann ist der Abend beendet. Ich begebe mich in meine Unterkunft. Zähneputzen, nochmal auf die Toilette und dann ins Bett. Der Anreisetag ist vorbei.

Die nächsten Tage verlaufen alle gleich:

In den nächsten 4 Tagen beobachte ich nur meinen Atem, wie er kommt und geht. Von morgens um 4:30 bis abends um 21:00 Uhr. Dazwischen sind kurze Pausen zum Essen, duschen und die Toilette.

Den ersten Vipassana Tag überstehe ich relative gut. Am zweiten Tag will ich nur noch weg.

Was passiert bei der Vipassana Meditation?

Die Zeit scheint nicht zu vergehen. Mein Kopf will die Veränderung nicht mitmachen. Ich bilde mir Überwachungskameras in den Bäumen ein und stelle mir vor, dass das Trinkwasser vergiftet ist.

Als wir morgens in die Halle gehen, kommt es mir vor, als seien alle anderen Teilnehmer hypnotisiert wurden, um diesen „Quatsch“ mitzumachen.

Dabei befindet sich das Gelände nur 2 km von dem Dorf Triebel entfernt. Es ist umzäunt von einem niedrigen Jägerzaun und die Pforten sind offen. Teilweise bin ich nur von einem dünnen blauen Band von der „anderen“ Welt getrennt. Schilder weisen darauf hin, dass hier die Kursgrenze ist. Mehr nicht. Trotzdem komme ich mir eingesperrt vor.

Wenn ich heute daran zurückdenke, dann bin ich stolz auf mich, dass ich geblieben bin.

Ich fliehe nicht vor meinen Ängsten und Zweifeln, sondern stelle mich dem Unbekannten. Meinen „Inneren Dämonen“ biete ich die Stirn. Heute schmunzele ich mich über die Geschichten, die sich mein Kopf zurechtgelegt hat.

Auch wenn es von Außen so aussieht, als wenn man 10 Tage nur „rumsitzt“ kostet das „Sitzen“ Kraft. Es ermüdet mich, dass ich den ganzen Tag nur sitze. 10 Stunden am Tag nur den Atem beobachten kostet viel emotionale Energie.

Obwohl ich nicht mit anderen Teilnehmern reden darf, darf ich mit dem Lehrer sprechen. Einmal am Tag kann ich meinem Lehrer Fragen stellen. Diese Chance nutze ich ausführlich, um mehr über die Technik zu erfahren. Ich stelle auch private Fragen, obwohl das eigentlich nicht der Sinn der Fragestunde ist.

Am dritten Tag bin ich mir sicher, dass ich den Kurs abbreche.

Um mich abzulenken, möchte ich ein Foto aus meinen Sachen im Schließfach holen. Allerdings verweigern mir die Kurshelfer den Zugang, als ich Ihnen von meinem Vorhaben erzähle. „Dass es nicht im Sinne des Kurses“, bekomme ich als Antwort.

Mein innerer Vorwurf einer Sekte wird lauter den je und meine Motivation sinkt auf einen Tiefpunkt.

Der einzige Grund, warum ich nicht abbreche, ist ein Facebook-Post. Vor meiner Abreise kündige ich meinen Aufenthalt bei dem Kurs an. Das Posting bekommt viele Likes und Kommentare mit Glückwünschen und Zuspruch. Ich bleibe, weil nicht die enttäuschenden Nachfragen beantworten will, die mir sicher peinlich wären. Also bleibe ich.

An die kommenden Tage kann ich mich nicht viel erinnern

Alles fließt ineinander. Meditieren, essen, spazieren gehen (es gibt ein kleines Waldstück, in dem ich viel herumlaufe), schlafen, Toilette. Immer im Gedanken schwankend zwischen „Das ist das Beste, was ich je gemacht habe“ und „Was mache ich hier eigentlich?“

>>> FOTO VON WALD <<<

Ich beobachte die tanzenden Blätter an den Bäumen im Wind. Schaue Ameisen bei ihrem Weg über den Waldboden zu. Höre Spechte in den Baumkronen nach Nahrung klopfen und lehne mich an Bäume an, um (meine) Wurzeln zu spüren.

Es wird ruhiger in mir. Die Zweifel werden kleiner.

Nicht nur die Meditation bringt Einblicke in das Selbst, sondern auch die Zeit zwischen der Meditation zeigt viel Unbekanntes auf.

Eine Situation ist mir aber in guter Erinnerung geblieben:

Ich muss immer Erster am Buffet sein. Ich habe Sorge, dass nicht genug für mich übrig bleibt, wenn ich zu lange warte. „Hier sind so viele hungrige Menschen. Wenn ich mich nicht beeile, dann bleibt nichts für mich übrig.“ denke ich und stehe ganz vorne in der Schlange.

Dementsprechend voll ist auch mein Teller. „Lieber noch etwas mehr, wer weiß, ob nachher noch was übrig ist“, rede ich mir selbst ein.

Natürlich ist das Quatsch. Es gibt immer genug Essen.

Obwohl ich längst satt bin, hole ich mir noch ein Nachschlag, zwei Portionen vom Nachtisch (ist ja noch genug da) und zum Schluss noch einen Kakao mit Erdnussbutter Brot. Ich bin pappsatt.

Eigentlich möchte ich jetzt einen Mittagsschlaf machen. Aber mit vollem Magen geht das nicht. Also „muss“ ich noch etwas spazieren gehen, um die Berge Nahrung zu verdauen, die ich in mich reingestopft habe.

 

Deshalb stampfe ich mit vollem Magen mies gelaunt durch den sommerlichen Wald und ärgere mich, dass ich zu viel gegessen habe, weil ich ja eigentlich schlafen will.

Wie bescheuert ist das bitte?

Nur hier wird solch ein unsinniges Verhalten sichtbar. Durch die Meditation und das Schweigen lerne ich mich selbst zu beobachten. Mich selbst zu erkennen. Erkenne dich selbst. Wer das will, ist hier richtig.

Ich urteile ständig über andere Menschen

Eine schöne Situation beim Essen ereignet sich auch bei meinem vierten Kurs:

Mir fällt ein Teilnehmer auf, der sich jedes Mal einen Riesen Berg Essen auflädt. Als er damit fertig ist, holt er sich noch einen zweiten Teller.

Über diese Völlerei bin ich natürlich schon längst hinweg. Ich wundere mich über das unbewusste Verhalten dieses „Vielfraß“ und esse ganz bedächtig und achtsam meine Sojasprossen.

„Also wirklich, wie kann man nur. Dieser Kurs ist für Fortgeschrittene. Der müsste doch schon längst darüber hinweg sein.“ rede ich mit mir selbst. „Der sollte sich mal ein Beispiel an mir nehmen. Schaut mal wie achtsam ich bin. Hier, so macht man das.“ Piecks, Happs. „Also so ein unbedachtes Verhalten, wirklich schlimm…“

Und während ich mir selbst beim Urteilen und Ego streicheln zu höre, stehe ich auf, gehe zum Buffet hole mir eine Riesenportion Joghurt mit Obst und schaufel sie in Rekordgeschwindigkeit in mich hinein und belohne mich dafür, was ich doch für ein bewusster und achtsamer Mensch bin…

Urteilen passiert automatisch. Durch die Kurse bin ich mir bewusster darüber, was gerade in meinem Kopf passiert. Mein Kopf bildet sich zwar ein Urteil, aber ich kann mich entscheiden, was ich damit mache. Je bewusster ich werde, desto deutlicher werden mir diese Automatismen. Dadurch finden weniger „Störgeräusche“ statt und desto klarer werden die eigenen Gedanken.

Ist Vipassana Meditation gefährlich? 

Bei meinem zweiten Kurs bin ich mir sicher: Ich muss sterben!

Zumindest denkt es in mir, dass es so ist. Ich sitze in meiner Zelle* und bin in einer tiefen Meditation versunken. Mein Atem geht kaum spürbar. Ganz flach bewegt sich ein dünner Luftzug durch meine Nase. 

* Ab dem zweiten Kurs, als „alter Schüler“ darf ich in einer Einzelzelle mediteren. Sofern genug Zellen vorhanden sind. 

An einem Punkt kommen Zweifel hoch: „Das kann nicht gesund sein. So wenig Sauerstoff. Du wirst sterben!“ meldet sich eine innere Stimme.

Aber anstatt abzubrechen, mache ich weiter und lasse meine Gedanken Gedanken sein. Mir wird heiß und kalt. Hysterie steigt in mir auf. Es ist nicht leicht die Hysterie zu ignorieren, doch ich gebe mir Mühe nicht darauf zu reagieren.

Darum geht es in der Meditation. Ich darf keine Abneigung oder Verlangen gegen innere Empfindungen haben.

Also beobachte ich weiter meinen Atem und bleibe gleichmütig. Der Atem bleibt flach, aber in mir wütet ein Sturm. Auf der einen Seite toben die Gedanken, die meinen Tod prophezeien. Auf der anderen Seite die Anweisung, allen Empfindungen gegenüber gleichmütig zu sein.

Ich darf kein Verlangen und keine Abneigung entwickeln, gegen die Empfindungen, die gerade in mir präsent sind.

Einfach nur beobachten.

Also beobachte ich die Hysterie und die Hitze, die in mir aufsteigt. Nach einer Weile wird aus der Hysterie eine Panik.

Mein Überlebensinstinkt warnt mich davor weiterzumachen. Aber meine Neugier hält mich dabei, weiter zu beobachten und zu schauen, was passiert. Ich will wissen, was noch kommt.

Mein Herz rast und Schweißperlen laufen an mir herab. „Einatmen, Ausatmen. Einfach nur beobachten“ sage ich mir selbst und ich verliere das Zeitgefühl.

Während der Kampf in mir brennt, öffnet sich etwas. Ich akzeptiere meine Situation. Mir wird bewusst, dass mir nichts passieren kann. Solange ich beobachte, bin ich sicher.

 

Meine Gedanken können mir nichts anhaben, solange ich beobachte und nicht darauf reagiere.

Mit der Erkenntnis beruhige ich mich. Mein Herzschlag geht wieder normal, meine Körpertemperatur geht runter. Die Panik verfliegt. Mir bleibt die Gewissheit, dass Gedanken und Gefühle nicht absolut sind. Es kommt immer darauf an, wie ich darauf reagiere.

Kommt man mit Vipassana Meditation zur Erleuchtung?

Ich stehe mit einem anderen Teilnehmer vor den Unterkünften. Wir reden über die Ereignisse der vergangenen Tage. Es ist der letzte Tag meines vierten Seminars. Am letzten Tag eines Kurses komme ich langsam wieder in die „normale“ Welt zurück und darf wieder reden.

Ich lache viel und führe tiefgründige Gespräche mit Menschen, die ich nicht kenne, mir aber doch so vertraut sind.

Für einen Mit-Meditierenden ist es der Abschluss seines neunten Meditationsseminars. Er erzählt mir etwas, dass meine Verbindung zur Vipassana Meditation und von dem, was ich über die Bedürfnisse von Menschen glaube, verändert.

„Viele Meditierende schlafen nicht in den 10 Tagen“, sagt er. „Wie meinst Du das?“, frage ich zurück. „Na ja, sie liegen zwar im Bett, aber sie meditieren weiter.“ wirft er ein. „Sie schlafen und sind wach zur gleichen Zeit. Sie lassen das Bewusstsein einfach fließen.“

Neugierig nehme ich mir vor, es an meinem letzten Abend auszuprobieren.

Ich gehe ins Bett. Nachdem das Licht aus ist, bin ich von den Ereignissen des Tages aufgewühlt. In meinem Kopf wiederholen sich die Gespräche der letzten Stunden. Ich erinnere mich an die Meditierenden, die nicht schlafen und beginne meinen Körper zu scannen. Nach einer Weile komme ich den freien Fluss.

Bei der Vipassana Meditation wird zuerst durch Beobachtung des Atems der „Monkey Mind“ beruhigt. Dadurch wird der Geist darauf trainiert nicht mehr von einem Gedanken zum nächsten zu springen, wie ein Affe, der von einem Ast zum nächsten springt.

Danach folgt die eigentliche Vipassana Technik. Dabei wird der Körper systematisch „gescannt“ und man dringt immer tiefer mit dem Bewusstsein in den Körper ein. Ab einem Punkt ist es möglich frei durch den Körper zu fließen. Dabei muss man nichts weiter machen. Der Fluss geschieht ganz automatisch und man beobachtet den Energiefluss im Körper über Stunden hinweg.

Zuerst fließe ich nur für wenige Minuten frei, weil mich ein Gedanke unterbricht. Als ich das bemerke, konzentriere ich mich wieder auf meinen Atem, beginne dann zu scannen und komme schließlich wieder in den freien Fluss.

Wie fühlt sich Vipassana Meditation an?

 Es fühlt sich harmonisch an. Als ob ich im Wasser schwebe.

 Dann falle ich wieder aus dem Fluss und nehme einen neuen Anlauf. Es dauert wieder einige Minuten, bis ich im freien Fluss bin. Diesmal fließt es länger und die Empfindungen dabei werden stärker. Dabei beobachte ich wieder nur was passiert.

Von Müdigkeit spüre ich nichts. Es fühlt sich erholsam an. 

Dann schlafe ich ein, wache wieder ich auf und beginne von Neuem. Atem, Scannen, fließen. So geht es über mehrere Stunden. Zwischendurch muss ich auf die Toilette. Dabei schaue ich auf die Uhr. Es ist 1 Uhr morgens. Um 4 Uhr geht der Gong. Ich habe also noch drei Stunden für meine Schlafmediation. 

Die Vorstellung beruhigt mich und ich beginne wieder von Vorne. Atem beobachten, Körper scannen, solange beobachten bis der freie Fluss kommt. 

Und diesmal ist es Anders 

Ich bin eine ganze Weile im freien Fluss. Dabei bemerke ich, dass sich mein Körper in leichten Wellenbewegungen im Bett bewegt. Meine Arme und Beine heben und senken sich abwechselnd ganz von allein. Dass ich mich „wie im Wasser schwebend“ fühle, zeigt sich jetzt als echte Bewegung. Ich nenne es „floaten“. 

Dazu kommt ein unangenehmes Pulsieren im Kopf und ein Pfeifen in den Ohren. Es fühlt sich an, als würde mein Kopf von innen aufgeblasen. 

Ich bekomme Angst, ob es gesund ist, was ich da mache. Es sind echte Schmerzen, die ich spüre. Aber ich erinnere mich wieder an die Anleitung „Nur beobachten. Kein Verlangen. Keine Abneigung.“ 

In mir steigt der Druck noch weiter an und da Pfeifen in den Ohren wird lauter. Dazu bewegt sich mein Körper von ganz allein hin- und her und meine Muskeln verkrampfen sich. Mein Körper fühlt sich an, wie in einer Zwangsjacke. 

Es ist ähnlich wie bei meiner „Nahtod“ Erfahrung und doch wieder anders. 

Etwas Unbekanntes liegt vor mir, vor der ich Angst habe. Aber meine Neugier treibt mich dazu weiter zu machen und zu schauen, was „dahinter“ liegt. 

Also beobachte ich und fließe weiter. 

Der Druck lässt nach und ich komme wieder ins „normale“ fließen. So fließe ich eine Weile. 

Plötzlich packt mich eine Welle und mein Kopf fühlt sich an, als würde er platzen. Dazu das Pfeifen in den Ohren und mein Körper krampft. Es ist schlagartig da, von einer Sekunde auf die Nächste.

 

So schnell wie es kommt, ist es auch wieder weg. Ich floate wieder. 

Meine Gedanken wollen mich wieder bremsen, aber ich erinnere mich an die wichtigste Regel: „Nur beobachten.„

Ich beobachte. Ich fließe. Ich atme. 

BÄM. Wieder packt mich eine Welle, diesmal dreimal heftiger als zuvor. Ich krümme mich in Fötushaltung im Bett, mein Kopf fühlt sich zum Bersten an und es pfeift so laut in meinen Ohren, dass ich schreien möchte. 

„Nur beobachten. Nicht reagieren. Atme. Atme. Atme“ sagt eine innere Stimme. 

Ich beobachte die Welle und es wird stärker und stärker. Mehr Druck, lauteres pfeifen. „Atme. Beobachte. Atme. Beobachte.“

 

BOOOOM. Mein Kopf explodiert in Tausend Stücke und verteilt sich im schwarzen Nichts. Das Pfeifen verschwindet schlagartig und ein Echo dringt zu mir. Mein Körper krampft sich zusammen und springt wie eine Feder zurück.

 Tatsächlich mache ich ähnliche Erfahrungen noch einige Tage später, als ich wieder zu Hause bin.

Die Nächte nach dem Kurs floate ich anstatt zu schlafen. Dabei erlebe ich noch dreimal etwas Ähnliches. Einmal fühlt es sich so an, als würde eine fremde Person den Raum verlassen. Also ob eine zweite Seele in mir wohnt und mich nach der „Explosion“ verlässt.

Durch den Kurs weiß ich, dass es so etwas wie eine „vollständige Auflösung“ gibt, bei der man einen „Höhepunkt“ erreicht. Wenn man so etwas erlebt. Dann kommen neue innere Blockaden zutage und man beginnt im Grunde von vorne mit der Arbeit.

Nach diesem Ereignis bin ich mehr den je davon überzeugt, dass Vipassana Meditation der richtige Weg für mich ist. Seitdem bin ich disziplinierter den je bei meiner täglichen Praxis. Ich „sitze“ mindestens zwei Stunden jeden Tag. Manchmal auch drei. 

Es macht mir überhaupt nichts mehr aus. Ich genieße die Ruhe und fechte die inneren Kämpfe in mir aus. Ich hoffe dadurch, dass ich meine Erlebnisse teile, noch viele Menschen auf diesen Weg führen kann.

 May all beings be happy 🙂

Mein Fazit:

Was sind 10 Tage im Vergleich zum Rest Deines Lebens? Wenn Du nach Antworten auf die großen Fragen des Lebens suchst, dann probier es aus.

Meiner Meinung nach gibt es keine bessere Lebensschule. Weil sich das ganze Leben im inneren abspielt. Durch Vipassana Meditation lernst Du die Welt so zu sehen wie sie ist und nicht so, wie Du sie gerne hättest. Es ist Arbeit. Aber eine, die das Leben erfüllt. Für mich kommt es der Vorstellung eines erfüllten Lebens am nächsten.

Dein Weg zu einem Vipassana Meditationskurs

 Wieviel kostet ein Vipassana Mediation Kurs?

 Die Vipassana Meditations-Kurse nach S.N. Goenka sind immer kostenlos. Wenn Du möchtest, kannst Du hinterher etwas spenden, um einem anderen Teilnehmer die Teilnehme zu ermöglichen.Die Erklärung ist einfach: Sobald Du etwas zahlst, ist Dein Ego im Spiel. Dann ist das Essen nicht so, wie Du es Dir vorstellst oder die Zimmer sind nicht so wie Du es gerne hättest. So bist Du frei davon.

Wo kann ich Vipassana Meditation machen?

Es gibt ein festes Zentrum in Deutschland (Triebel) und einige „Non-centre“ Kurse. Das heißt, die Kurse finden in z.B. Hotels statt, die eigens dafür eingerichtet werden.

Wie kann ich mich für einen Vipassana Meditation Kurs anmelden? 

Für die Kurse in Triebel musst Du Dich drei Monate vorher anmelden. (Wähle einen Zeitraum aus und gib bei Ort „Triebel“ ein). Dort findest Du 2 Kurse pro Monat und zu jedem Kurs ein Datum für die Anmeldung. Um den Kurs zu buchen, kannst Du Dich am Anmeldetag ab 21 Uhr anmelden. Aus allen Anmeldungen werden die Teilnehmer ausgelost.

 Wie lange muss ich auf einen Kursplatz warten? 

 Für „alte Schüler“ (mehr als ein Kurs absolviert) ist eine Teilnahme wahrscheinlicher. Für „neue Schüler“ ist die Wahrscheinlichkeit für einen Platz bei 1 : 5. Du brauchst also etwas Glück, weil es viele Menschen gibt, die einen Kurs machen wollen.

 Wo gibt es überall Vipassana Meditation? 

Deshalb kannst Du auch auf anderen Zentren ausweichen. Zum Beispiel in Polen oder Belgien, diese sind die nächstgelegenen zu Deutschland. Die Abläufe sind überall identisch.

Möchtest Du etwas dazu sagen? Schreib einen Kommentar:

2 Kommentare

  1. Michael

    Sehr interessant Danke, Daniel.

    Antworten
    • Daniel

      Hallo Michael, sehr gerne. Viele Grüße, Daniel

      Antworten

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Das könnte dich auch interessieren:

Was ist Mindset Coaching

Was ist Mindset Coaching

Was ist Mindset Coaching? Du möchtest mehr über Mindset Coaching wissen? In diesem Artikel bringe ich Dir das Thema näher und erkläre Dir, wie Du von einem Mindset Coaching profitierst. Was bedeutet Mindset? Zuerst möchte ich klären, was ein Mindset überhaupt ist....

mehr lesen

Steuer deinen Erfolg im Business mit 100% Klarheit, Fokus & Energie

Starte Dein Mindset Coaching Jetzt kostenlos