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Familienaufstellung: Wenn unausgesprochenes sichtbar wird

Bei einer Familienaufstellung nehmen Stellvertreter symbolisch die Rollen von lebenden und verstorbenen Familienmitgliedern ein. Dadurch werden unausgesprochene Beziehungsverhältnisse sichtbar gemacht.

Im August 2020 nahm ich an einer Familienaufstellung teil. Die Aufstellunge fand im kleinen Rahmen mit 6 Teilnehmern in einem Yoga Zentrum in Hannover statt. Alle 6 Teilnehmer machten eine eigenen „Arbeit“. Die Veranstaltung ging von 10 bis 21 Uhr mit Einhaltung aller Corona Auflagen.

Was passiert bei einer Familienaufstellung?

Die Kühle des Laminatboden zieht in meine Knie, als ich auf dem Boden hocke. In mir tobt ein emotionaler Orkan. Die Wellen aus Trauer, Sehnsucht, Liebe und Freude übermannen mich. Das Außen existiert nicht mir.

Die Gefühle sind so intensiv und spürbar, dass ich mich vollständig darin verliere. Wärme und Hoffnung erfüllen mich, als mir dicke Tränen wie Wasserfälle über das Gesicht rinnen.

Auf dem Boden vor mir liegt eine jungen Frau auf einer Decke. Wir schauen uns in die Augen. Sie sind gütig und voller Verständnis. Ich halte ihre Hand und lege die andere auf ihren Kopf. Ihr Äußerliches ist weiblich, aber in ihr drin, ihre Seele, ist die meines jung verstorbenen Onkels.

Meine Seele und die meines Onkels sind sich gerade zum ersten mal begegnet.

Aber lass mich eben noch einen Schritt zurück machen, damit du verstehst, wie es dazu kommt.

Warum macht man eine Familienaufstellung?

Ich habe meinen Onkel niemals kennen gelernt. Er starb mit 5 Jahren, an den folgen einer Lungenentzündung. Er ist, wie mein Vater, ein Kriegskind. Geboren in den schrecklichen Jahren nach dem zweiten Weltkrieg. Sie lebten damals in Polen, nachdem sie aus Russland fliehen mussten.

Viehherde Bessarabien
Rinderhirte in Bessarabien
AnonymousUnknown author / CC BY-SA

Meine Vorfahren kommt aus Bessarabien. Das liegt östlich von Rumänien, mit Zugang zum schwarzen Meer. Im 18. Jahrhundert wurde das Gebiet von deutschen Aussiedlern bewohnbar gemacht. Heute gehört es zu Russland. Als der zweite Weltkrieg ausbrach, mussten meine Vorfahren fliehen, in das heutige Polen.

Mein Vater und sein Bruder sind in Polen geboren. Ohne wirkliche Heimat, immer in der Gefahr wieder aufbrechen zu müssen. Damals wurde mein Onkel krank. Eine Lungenentzündung galt damals einem Todesurteil gleich.

Ich kann mir nur ungefähr vorstellen wir furchtbar es als Vater sein muss dem eigenen Kind beim sterben zu zu sehen und nichts tun zu können. Der kleine Körper verkrampft sich bei jedem neuen Hustenanfall. Blut, Schleim und Eiter tropfen aus dem Mund. Das atmen fällt schwer.

Jeder Schluck Wasser ein Qual. Die wochenlangen hoffnungsvollen Versuche der Eltern irgendwo Hilfe zu bekommen. Verzweiflung in den Gesichtern, bis sich die fiebrigen kleinen Augen unter röchelnden Qualen ein letztes mal schließen.

Mein Onkel war erst 5 Jahre alt als er starb.

 Was bewirkt eine Familienaufstellung?

Niemals wurde in meiner Familie darüber geredet. „Mama, von wem ist das Kinderfoto, da an der Wand?“, frage ich meine Mutter als ich 12 Jahre alt bin. „Das ist der Bruder von deinem Vater, der ist jung gestorben“. Über mehr haben wir nie geredet. Ich habe mich nicht getraut mehr zu fragen. Ich spürte die Scham, die über den Ereignissen liegt.

So geht es Millionen Menschen in Deutschland. Der Krieg ist zwar schon 75 Jahre her, aber die Wunden die klaffen werden vererbt und sind heute noch spürbar.

Hunderttausende Menschen haben geliebte Angehörige verloren. Väter, die jahrelang in Kriegsgefangenschaft waren und als gebrochenen Menschen zurück kamen. Frauen die vergewaltigt wurden. Kinder, die mit ansehen mussten wie ihre Eltern getötet werden.

Es sind brutale Zeiten, die kaum ausgesprochen werden. Millionen Menschen sind schwer traumatisiert. Ihre Unfähigkeit mit den Erlebnissen umzugehen und Gefühle auszudrücken spiegelt sich in ihren Kindern wieder. Väter die trinken und schlagen. Frauen, die nie liebevolle Zärtlichkeit erlebt haben.

Was für Kinder erwachsen solchen Umständen?

Es sind die Kriegskinder und deren Kinder die Kriegsenkel .

Ich bin jetzt 41 und lebe in der zweiten Generation nach dem Krieg. Alles was meine Eltern durch ihre Eltern mitbekommen haben ist auch präsent in mir.

Unausgesprochene Ängste, menschliche Schicksale, die fern unser Vorstellung liegen und nie aufgearbeitet wurden.

Deswegen nehme ich an einer Familienaufstellung  teil. In Deutschland ist diese Art der Vergangenheitsbewältigung populär, gerade wegen der vielen Kriegsnarben, die es noch gibt.

„Es ist schwer zu erklären, wie es funktioniert“, sagt der Leiter der Aufstellung, „für mich ist nur wichtig, dass es funktioniert. Das Wie überlasse ich anderen.“

Was passiert bei einer Familienaufstellung?

Bevor die Aufstellung startet, beantworte ich ein paar Fragen zu meinem Anliegen „geschäftlicher Erfolg“ und zu meinen Familienverhältnissen. Ich berichte, dass der Bruder meines Vaters früh verstorben ist.

Ich führe meinen Stellvertreter in den Kreis. „Ich fühle mich unsicher.“, sagt er nach einigen Minuten der Stille. Vor ihm breitet der Leiter eine Decke aus und bittet eine andere Teilnehmerin der Runde sich dort hin zu legen.

Daneben nimmt eine weitere Teilnehmerin stehend ihren Platz ein. Sie steht als Stellvertretung für meinen Opa. Sie sagt, dass sie nicht versteht was da passiert. Sie sieht ihren Sohn (meinen Onkel) dort liegen aber hat keine Verbindung. Es kommt ihr fremd vor.

Als Stellvertreterin nimmt sie das wahr, was mein Opa gefühlt hat. Er hat sich nie mit dem Tod seines Kindes auseinander gesetzt hat. Er hat es verdrängt. Die Gefühle unterdrückt. Nie darüber gesprochen. Es waren harte Zeiten. Schwäche zeigen oder sogar Tränen war ein Tabu. Als Mann musste man stark sein.

Nach einer Weile setzte ich mich dazu. Direkt neben meinen „Onkel“ und schaue in die Augen. Eine Weile geschieht nichts. Unsere Seelen müssen sich erst finden. Dann kommen auf einmal die Gefühle hoch und ich erlebe den inneren Orkan. Es bricht aus mir heraus. Wir brauchen keine Worte, wir schauen uns nur in die Augen und ich verstehe.

Wir sitzen einige Minuten in einsamer Stille und ich spüre die Gegenwart ein großen Fülle. Danach fällt eine große Last von mir ab. Als ob ich einen schweren Rucksack ablege.

Macht eine Familienaufstellung Sinn?

Als Kind suchen wir halt bei unseren Eltern. Unsere Seele sucht eine Verbindung zu den Menschen die uns nah sind. Wenn die Seelen unser Eltern Schmerzen leiden, dann können wir uns nicht mit ihnen verbinden. Sie sind zwar physisch für uns da, aber ihre Seelen sind uns fremd.

Die Kinderseele geht weiter auf die Suche. Wenn sie nichts findet, dann sucht sie weiter.

In dem Moment mit meinem Onkel hat meine Seele den Schmerz gesehen, den mein Opa verdrängt hat. Dieser Schmerz wurde an meinen Vater weitergeben und so an mich.

Ich konnte diesen Schmerz nun befreien. Für mich.

Es ist emotional anstrengend. Die nächste halbe Stunde bin ich sehr müde und verarbeite das Geschehene für mich alleine.

Als ich Abends zu Hause bin spüre ich ein Leuchten in mir. Eine vorher unbekannte Freiheit. Meine Partnerin meint ich wirke wie „scharf gezeichnet“. So geht es mir tatsächlich. Mehr Klarheit. Mehr Tatendrang.

Mein Wunsch für die Aufstellung war „Auf meinem eigenen Weg gehen zu können. Ein Weg mit klaren, scharfen Grenzen.“

Fazit:

Persönlichkeitsentwicklung ist eine Reise. Wie bei einer Zwiebel schält man nach und nach die Schichten ab, bis man zum Kern kommt. Jeder Art der Arbeit, auch eine Familienaufstellung, ist immer nur ein weiterer Schritt zu deinem besten Ich. Es gibt nicht DIE eine Methode der DAS eine Event, dass alles anders macht. Aber jede Art der inneren Reise ist ein Schritt zu mehr Leichtigkeit und Freude.

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Über den Autor

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Daniel Jeschke feierte als Pokerturnier Veranstalter große Erfolge. Darauf folgten Niederlagen, die ihn zum Umdenken brachten. Aus seinen Erfahrungen mit Persönlichkeitsentwicklung und Coaching hilft er jetzt Selbständigen dabei mehr aus ihren Möglichkeiten zu machen und mit Klarheit, Fokus & Energie im Business erfolgreich zu sein.

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